Das Projekt

Am 23. August 2019  ist es soweit. Zu fünft reisen wir ins ferne Hochgebirgsland Tajikistan in Zentralasien. Wir haben uns zwei große Ziele gesetzt, dementsprechend groß ist die Anspannung.

Wie auch bei unseren letzten Projekten in Pakistan, haben wir vor in Tajikistan ein Hilfsprojekt zu realisieren. In enger Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation Kenial überbringen wir Jacken, Equipment und Spielzeug an mittellose Kinder.

Kinder bekommen Ausrüstung
Kinderlachen – Schöne Momente der Expedition

Zweites großes Ziel ist die Erstdurchsteigung der Südwand des 5300m hohen Bolshaya Ganza Im Fan Gebirge. Ein Berg den wir bis jetzt nur von Google Earth kennen. Das Durchforsten von kyrillischen Internetseiten stellte sich als äußerst mühsam dar. Insider und lokale Kontakte bestätigen uns, dass die Südseite des Bolshaya noch eher unbekannt ist und die Südwand definitiv noch unbestiegen ist. Wir sind gespannt was uns erwartet. Felsqualität, Schnee, Zustieg, Wetter; Viele Fragezeichen, die in den nächsten Wochen beantwortet werden.

Basecamp mit Bolshaya Ganza im Hintergrund

Das Team

Maßgeblich für die Initiierung und Planung des Projekts verantwortlich sind die Alpinisten Phillip Pichlbauer und Elli Wiewiora. Ihre Vorarbeit brachte das Projekt ins Rollen und ihre alpinistische Expertise wird vor Ort sehr wertvoll sein. Die Alpinisten und Filmemacher Andreas Gumpenberger und Martin Sieberer kümmern sich um Regie und Umsetzung vor Ort. Andreas hat in den letzten Jahren mit einigen Abenteuerfilmen (Zeppelinskiing) auf sich aufmerksam gemacht. Für Martin ist dies bereits die zweite Expedition in kurzer Zeit. Bereits im Juli konnte er mit Simon Messner die Erstbesteigung des 6718m hohen Black Tooth für sich verbuchen. Als Kameramann mit dabei ist Outdoor-Fotograf Stefan Filzmoser. Mit seinem Auge für Stimmung und Detail hat er einen besonders wichtigen Anteil an der Umsetzung des Filmprojekts.

Tajik Crew
Tajik-Crew (v.l.: Andreas, Martin, Elli, Phillip und Stefan)

Tajikistan – ein undurchsichtiges Land

Die ersten Eindrücke sind überwältigend. Wir werden herzlichst in der Hauptstadt Dushanbe empfangen. Ein wenig wundert es, woher das Geld für die prunkvollen, aber oft leerstehenden Bauten der Hauptstadt stammt, wo doch der Rest des Landes sehr arm ist. Wir fragen nicht weiter nach, immerhin gehört Tajikistan zu den korruptesten Ländern der Welt.

Kenial

Das postsowjetische Flair ist immer noch überall zu spüren, wobei wir bald die Hauptstadt verlassen und uns ins ländliche Zeravshan aufmachen. Gemeinsam mit der Organisation Kenial trommeln wir hier rund 100 Kinder zusammen und überreichen ihnen Kleidung und Spielsachen. In einer Schule werden wir sehr formell in Anwesenheit von Politikern empfangen um die Geschenke zu verteilen. Der Ansturm auf die Fußbälle ist besonders groß. Im Match Österreich vs. Tajikistan haben wir keine Chance gegen die flinken Tadschiken. Im Anschluss zur Zeremonie werden wir alle gemeinsam zum Mittagessen geladen. Wir bestehen darauf im selben Raum mit den Kindern zu essen was von den anwesenden Offiziellen verständnislos akzeptiert wird. Mit Händen und Füßen versuchen wir uns mit den Kindern zu unterhalten. Wir haben alle unseren Spaß.

Die Ausrüstung wird an rund 100 Kinder verteilt
Die Ausrüstung wird an rund 100 Kinder verteilt

Ein langer Weg bis zum Basislager

Von Zeravshan geht’s über eine wunderschöne Berglandschaft vorbei am eingebetteten Bergsee Iskanderkul ins Bergsteigerdorf Sarytog. Von dort aus starten wir am nächsten Tag den beschwerlichen Fußmarsch Richtung Basislager. Voll bepackt mit Eselunterstützung marschieren wir in zwei Tagen in Richtung Bolshaya Ganza Basecamp. Das Lager errichten wir an einer optimal flachen Stelle, mit Fluss in Reichweite, auf ca. 3400m. Hier lässt es sich aushalten, denn endlich sehen wir unser Ziel der Begierde. Je näher wir dem Berg kommen, desto größer und breiter wird er. Ein massives Labyrinth aus Fels und Eis mit kaum ersichtlichen Linien.

Iskanderkul - auf dem Weg ins Bergsteigerdorf Sarytog
Iskanderkul – auf dem Weg ins Bergsteigerdorf Sarytog

Das Labyrinth des Bolshaya Ganza

Die nächsten Tage stehen im Zeichen der Akklimatisierung und Erforschung des Gebiets. Wir scouten alle Bereiche der Südwand, versuchen alle Winkel auszumachen und mit dem Fernglas mögliche Linien auszumachen. Doch erweist sich die gesamte Wand als viel größer und gefährlicher als angenommen. Am langen Südgrat wagen wir ein paar Tage später einen ersten Versuch, der nach ca. 6 Seillängen im oberen 5. Grad leider abgebrochen werden muss. Der steile Grat ist extrem brüchig und unüberschaubar, zu groß die objektiven Gefahren. Es scheint keine logische Linie, welche auch von den objektiven Gefahren vertretbar wäre, zu geben.

Bolshaya Ganza – der Fels im Gebiet ist teils sehr brüchig

Ernüchterung und Angespanntheit macht sich im gesamten Team breit. Nach einigen Tagen am Berg ist eine Pause notwendig, um sich abzulenken und auf andere Gedanken zu kommen. Nach einem Ruhetag finden wir durch weitere Erkundungen die für uns einzige Möglichkeit: ein steiles Eiscouloir, welches den Südgrat in etwa entzwei teilt. Eine große Zeitersparnis, aber nicht ungefährlich, da wir im Couloir immer einem möglichen Stein- und Eisschlag ausgesetzt sind. Aber definitiv einen Versuch wert.

Bolshaya Ganza - Unnahbare Südwand
Bolshaya Ganza – Das rechte Couloir teilt den Südgrat entzwei

Erster Versuch

Ein früher Start ist Pflicht, denn den Zeitaufwand und die Kletterschwierigkeiten des oberen Teil des Grates kennen wir nicht. Mit Biwak- und Kletterausrüstung starten wir den ersten Besteigungsversuch. Der Wetterbericht kündigt gutes Wetter an, jedoch setzt schon beim Losgehen leichter Schneefall ein. Wir steigen trotzdem noch bis zum Couloir auf, dort liegen bereits 20cm Neuschnee und es ist keine Besserung in Sicht. Kurze Zeit später wütet ein Schneesturm und man sieht kaum mehr die Hand vor Augen. Rückzug ist die einzig vernünftige Entscheidung.

Eine Schlechtwetterfront bringt Schnee

Bis ins Basislager schneit es. Neben der Außentemperatur sinkt auch die Stimmung im Basislager unter den Gefrierpunkt. Wir alle haben uns den Berg deutlich strukturierter vorgestellt, mit zumindest einer leichten Linie für alle Fälle. Aber genau das ist es auch, was eine Expedition so reizvoll und spannend macht: Das Ungewisse. Man hat keinerlei Information und ist völlig auf sich alleine gestellt. Gruppendynamische Prozesse können schnell zu falschen Entscheidungen und schlechter Laune führen: Lagerkoller. Das schlechte Wetter Aussitzen ist die Devise.

Lagerkoller im Anfangsstadium

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